Mangel an Auszubildenden in der Heilerziehungspflege / Projekt für inklusive Freizeitgestaltung der Fachschule

Mit Freude an der Arbeit: Der zwischenmenschliche Kontakt ist für Heilerziehungspfleger wichtig.Über Umwege sind die meisten der Schüler im Klassenzimmer bei Berufsschullehrerin Dagmar Zirfas-Steinacker gelandet. Zehn Schülerinnen und ein Schüler befinden sich im zweiten Ausbildungsjahr der Heilerziehungspflege. Zum Ausbildungsstart war die Zahl der Auszubildenden noch deutlich höher. Den Grund für die vielen Abbrecher kann die Lehrerin nur vermuten. „Die Länge der Ausbildung über drei Jahre schreckt ab, aber auch den Zeitaufwand der Pflegetheorie unterschätzen viele.“ Veränderungen im privaten Umfeld wie beispielsweise Schwangerschaften sind ebenfalls häufige Gründe zum Abbrechen der Ausbildung.

Viele der Schüler hatten zunächst ganz andere Pläne für ihre berufliche Zukunft. Erst durch persönliche Ereignisse sind sie auf die Idee gekommen, einen sozialen Beruf zu erlernen. Auf die Nachfrage, was die Schüler darin bestärke, in der Heilerziehungspflege zu arbeiten, schnellen die Hände für Wortmeldungen nach oben. Vanessa Simon erinnert sich an einen Satz eines Behinderten bei einem Ausflug, als er bemerkte, dass er angestarrt wurde. Mit der Aussage, „ich weiß, dass ich behindert bin, aber ich lebe auch“, habe er die Blicke laut kommentiert. Meike Engler hat Ähnliches erlebt, auf einer Dienstfahrt in eine Disco fiel der Satz: „Heute feiern wir das Leben und vergessen unsere Behinderung“. Durch ein einfaches Lächeln werden die Schüler immer wieder in dem bestätigt, was sie tun. Zirfas-Steinacker ist sich sicher, „Behinderungen sind kein Defizit oder Leid, sie halten uns, den angeblich Nicht- Behinderten, den Spiegel vor.“

Im Begleiten und Gestalten des Alltags und der Tagesstruktur liegt der Schwerpunkt der Heilerziehungspfleger. Durch PfiFF (Projekt für inklusive Freizeitgestaltung der Fachschule) bekommen die Schüler erste wichtige Einblicke. Im Rahmen einer Kooperation mit der Seniorengruppe Wiesenstraße der Lebenshilfe Walsrode e.V. und dem Netzwerk „Inklusion hoch drei“ wird Theorie und Praxis verknüpft. Den Senioren werden bedürfnisorientierte, individuelle Aktionen angeboten, die von den angehenden Heilerziehungspflegern gestaltet werden. „Ihre Art verändert uns, sie merken sofort, wenn sich jemand für etwas Besseres hält“, erklärt Vanessa Simon.

Im hektischen Alltag und mit Blick auf den Pflegekraftmangel kommt die gezielte Betreuung einzelner Bewohner oft zu kurz. Durch „PfiFF“ gelingt es den jungen Auszubildenden, den Senioren mehr Selbstbestimmtheit in ihrer Freizeitgestaltung zurückzugeben. Ob Marktbesuch oder Kirchgang, die Bewohner dürfen wählen, und ihre jungen Begleiter unterstützen sie bei der Verwirklichung und helfen, wenn es nötig ist. Die Idee zum Projekt kam von einem der Bewohner selbst.

Neben dem direkten Kontakt sucht die Heilerziehungspflegeklasse auch immer wieder nach Experten, die zu Themen wie „Leichte Sprache“ oder „Gebärdensprache“ referieren. Im Januar haben sie die unterstützt kommunizierende Erziehungswissenschaftlerin Kathrin Lemler als Referentin in Walsrode begrüßen dürfen (WZ berichtete). Ohne Sponsoren sei die Umsetzung dieser wichtigen Projekte und Vorträge nicht möglich, erklärt Zirfas-Steinacker. Als Förderer seien die Lebenshilfe Walsrode und Aktion Mensch zu nennen.

Sowohl die Schüler, als auch Dagmar Zirfas-Steinacker hoffen auf mehr Nachwuchs in der Heilerziehungspflege. Der Berufszweig biete gerade im Heidekreis unzählige Möglichkeiten, darunter verschiedene Wohnheime, aber auch integrative Kindertagesstätten. Das Tätigkeitsfeld ist jedoch noch relativ unbekannt. Obwohl Männer oftmals größere Chancen hätten, sei der Beruf noch eine Frauendomäne.

Quelle: Walsroder Zeitung vom 20.02.2018 von Johanna Scheele

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