Kathrin Lemler referiert in den Berufsbildenden Schule in Walsrode zum Thema: Unterstützte Kommunikation im Alltag

Spricht mit den Augen: Kathrin Lemler hat sichtlich Spaß bei ihrem Vortrag, mit ihrer Ausstrahlung und offenen Art begeistert sie die Gäste in Walsrode.„Haben Sie gut geschlafen?“ So wendet sich Kathrin Lemler an die Gäste. Ihre Augen strahlen, während sie das Publikum betrachtet. Aber die Stimme, die spricht, kommt aus dem silbernen Computer, der an ihrem Rollstuhl angebracht ist.

Die junge Frau auf der Bühne leidet seit ihrer Geburt unter einer Behinderung, die durch Sauerstoffmangel ausgelöst wurde. Sie kann ihre Muskeln nur schwer kontrollieren. Durch Lautsprache zu kommunizieren, ist ihr somit nicht möglich. Lemler lässt sich durch diese Tatsache aber dennoch nicht das Wort verbieten. Ganz im Gegenteil: „Wie eine typische Frau spreche auch ich sehr gerne“, sagt die Masterstudentin, Erziehungswissenschaftlerin, Referentin, Autorin, Regisseurin und Chefin von sieben Angestellten.

Der Referentin sei früh klar gewesen, dass die Unterstützte Kommunikation ihre Berufung sei. Das Verhältnis aus eigenen Erfahrungen und erlernten Studieninhalten macht sie zu einer Expertin auf dem Gebiet. Schon im Alter von zwei Jahren begann sie das Bliss-System zu erlernen. Dies ist ein symbolgestütztes Kommunikationsmittel. Mithilfe der kleinen Zeichen konnte sie zwar erstmals ihre Wünsche und Fragen mitteilen, doch stieß Lemler schnell an die Grenzen dieser Art der Kommunikation. Heute kommuniziert sie hauptsächlich über eine Buchstabentafel, durch Kopfbewegungen werden Wörter buchstabiert. Ihr Gegenüber muss die imaginäre Tafel auswendig beherrschen, um aus den Bewegungen ganze Sätze ablesen zu können.

Im Universitätsalltag verwendet die Studentin jedoch hauptsächlich ihren Sprachcomputer, der durch Infrarotkameras ihre Pupillen verfolgt und so durch ihre Blicke gesteuert wird. Mithilfe dieser Technik kann Lemler sich ihren Mitmenschen mitteilen, Hausarbeiten und Vorträge verfassen und soziale Netzwerke nutzen. Die Frage eines Schülers, wie viel so ein Sprachcomputer kostet, kommentiert sie lachend mit „Männer“.

Ihr Weg zu dem Leben, das sie heute führen kann, war steinig. Zunächst der Besuch einer Förderschule, dann der Wechsel auf eine Integrative Gesamtschule bis sie es auf ein Gymnasium schaffte und ihr Abitur in den Händen hielt. Nur durch ihr Streben nach intellektueller Herausforderung und Kooperationen mit Schulleitungen sei diese schulische Karriere möglich gewesen. Ihre Mutter habe frühzeitig erkannt, dass ihre Tochter auf Gespräche reagiere, und eine Logopädin habe nicht aufgegeben, sie zu fördern. „Ohne meine Unterstützer würde ich heute in einem Wohnheim sitzen und andere behinderte Menschen beim Schrauben sortieren betrachten“, so Lemler.

Die junge Frau hat für ihren Traum gekämpft, heute lebt sie selbstbestimmt in einer Wohnung, immer dabei ist einer ihrer Assistenten. Sieben dieser ständigen Begleiter beschäftigt Lemler, ganz selbstverständlich erstellt sie Dienstpläne für ihre Angestellten – wie jeder andere Chef auch. Zum Termin in den Berufsbildenden Schulen Walsrode ist Assistentin Lisa an ihrer Seite. Die beiden Frauen wirken vertraut, aber dennoch betonen beide, dass ein „gesundes Arbeitsverhältnis“ herrschen muss. „Wir sind alles andere als Betreuer, es ist Kathrins Leben, ihre Wohnung und ihr Studium, sie ist die Chefin, wir die Angestellten“, sagt Assistentin Lisa.

Soziale Integration sei für sie erst mit dem Wechsel zur Gesamtschule erfolgt, freie Nachmittage ohne eine der zahlreichen Therapien verbringt Kathrin Lemler mit Freunden. Eine Freundin habe mal auf die Frage, was sie am liebsten mit ihr mache, geantwortet, dass sie mit ihr sehr gut „quasseln“ könne.

Während des Vortrags wird deutlich: Kommunikation mit Menschen wie Kathrin Lemler ist das Gegenteil zu der herrschenden Schnelllebigkeit. Der Zuhörer muss sich Zeit nehmen, und Unterhaltungen werden entschleunigt. Ziel der jungen Frau ist es, die Öffentlichkeit für das Thema unterstützte Kommunikation zu sensibilisieren.

Quelle: Walsroder Zeitung vom 30.01.2018 von Johanna Scheele

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