Ehemaliger Drogenabhängiger berichtete BbS-Schülern von seinem Leben als Süchtiger und Krimineller

Erschütternd: Harry S. berichtete Schülern des Beruflichen Gymnasiums der BBS Walsrode von seinem Leben, das über 20 Jahre hinweg praktisch nur aus Geldbeschaffung und Drogenkonsum bestand.Vom Unterricht ständig ferngeblieben. Am Ende sogar die Schule abgebrochen. Keinen Abschluss in der Tasche. Perspektivlosigkeit. Statt einen Beruf zu erlernen und in einer gesicherten Existenz zu leben, kann der Weg auch auf die „schiefe Bahn“ führen. Im Rahmen des beruflichen Profilfachs Pädagogik/ Psychologie des Beruflichen Gymnasiums der Berufsbildenden Schulen (BbS) Walsrode wurde im 12. Jahrgang ein Projekt zum Schwerpunkt „Problematische Lebensläufe im Übergang von Schule und Beruf“ angeboten.

Unter der Überschrift „Motivation – Deine Chance“ berichtete ein ehemaliger Junkie vor Schülern von seinen Erfahrungen mit Drogen. Er führte ihnen vor Augen, wie er immer weiter abstürzte und schließlich wieder zurück in ein normales Leben fand.
Harry S. hat in seinem Leben viel gearbeitet. Er war IT-Fachmann in einem Rechenzentrum, seine Kenntnisse waren gefragt. Dann kam der Absturz. Statt Computerprobleme zu lösen, nahm er Drogen, die ihn krank machten. Sein Leben, so der heute 61-Jährige, habe sich damals ausschließlich darum gedreht, wo er Geld stehlen und dealen könne, um seinen eigenen Konsum zu finanzieren. Fast 20 Jahre habe er ein Leben zwischen Gefängnis und Freiheit geführt.

Freiheit habe in dieser Zeit für ihn ein Leben unter der Brücke bedeutet. Die Zeit im Gefängnis habe ihm nicht geholfen, aus „der Szene“ zu entkommen. Über „Szene-Freunde“ habe ihn der Weg bald zurück in das Milieu geführt. „Sucht ist ein Gesellschaftsproblem“, erklärte Harry S. Aus seiner eigenen Erfahrung lehne er eine Legalisierung von Heroin und Kokain strikt ab.

„Keiner hat mir gesagt, dass ich aufhören soll und muss. Man vegetiert als Süchtiger nur dahin“, erläuterte er. In dieser Zeit sei der Tagesablauf ausschließlich vom Drogenkonsum und Schlafen geprägt gewesen. Mehr sei gar nicht möglich gewesen.

Erst als er wortwörtlich am Boden, am Ende war, habe sein Selbsterhaltungstrieb gesiegt. Aus freien Stücken habe er sich in Therapie begeben. Nur dadurch habe er überlebt.

Heute versucht der 61-Jährige, in einer Suchtberatung Menschen mit seinem Wissen und seinen Erfahrungen von Drogen zu befreien: „Das Wichtigste ist, den Drogenabhängigen zuzuhören.“ In der Beratungsstelle gilt er aufgrund seiner Erlebnisse als anerkannter Fachmann. Gleichzeitig sähen viele in ihm aber auch noch „den Junkie von früher“.

„Eine vernünftige Sprache bringt bei Süchtigen nichts. Ein strenger Ton hilft da eher“, erklärte Harry S. und stellte klar: „Man nimmt keine Drogen, weil einem schlecht ist, sondern weil es eine Gewohnheit ist, weil man sie braucht, um glücklich zu sein und Spaß auf einer Party zu haben.“ Eindringlich forderte er die Zuhörer auf, etwas aus ihrem Leben zu machen und ihre Möglichkeiten zu nutzen, um nicht – wie er selbst – abzustürzen.

Quelle: Walsroder Zeitung vom 03.06.2017

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